Turniertanz, was ist das?

Unter »Tanzen« kann sich wohl jeder etwas vorstellen – und jeder zu Recht etwas anderes. Die klassischen Turniertänze unterteilen sich in zwei Kategorien: Standard- (»Ballroom«) und Latein-Tänze, wobei erstere Langsamen WalzerEnglish TangoWiener WalzerSlow Foxtrott und Quickstep umfassen, letztere SambaCha Cha ChaRumbaPaso Doble und Jive. Was ist jetzt aber beim Turniertanzen, im Vergleich zur Tanzschule, anders? Die Antwort ist banal: Nicht viel. Beim Turniertanzen geht es »lediglich« darum, den Genuss und die Freude und damit die Qualität des Tanzens zu steigern. Dies geschieht mit Vorteil durch Studium und Verständnis der Biomechanik des menschlichen Körpers und unter Kenntnis und Ausnutzung bewegungsphysikalischer Grundlagen mit dem Ziel, das Tanzpaar zu einer Bewegungseinheit werden zu lassen. Mag jetzt kompliziert klingen, heißt aber in erster Linie eins: Viel trainieren...

Die öffentlich ausgetragenen Vergleiche der Tanzpaare – auch bekannt als Turniere – erfreuen oft auch die Zuschauer, insbesondere dann, wenn es den Tanzpaaren gelingt, ihre Freude am Tanz auf die Zuschauer überspringen zu lassen. Dieses Ziel zeigt sich auch im Wertungssystem: Aufgabe der Wertungsrichter ist im Wesentlichen, jene Paare in die nächste Runde zu werten, welche ihnen am besten gefallen (siehe auch nächster Abschnitt). Natürlich sind auch technische Kriterien Teil der Wertung – ein Fersenschritt aus erhobener Position dürfte genügen, um (in diesem Tanz) nicht in die nächste Runde gewertet zu werden. Allerdings sind diese Kriterien oft niederrangig hinter dem Gesamteindruck.

Wertungssystem

Generelles. Grundsätzlich wird im Tanzsport in jeder Runde jeder Tanz einzeln und im Vergleich zu den anderen (direkt konkurrierenden) Paaren gewertet. Die Rundenwertung ergibt sich aus der Bewertung der einzelnen Tänze.

Vor- und Zwischenrunden, Halbfinale. Alle Paare, die am gleichen Turnier starten (gleiche Disziplin, gleiche Alterskategorie, gleiche Startklasse), müssen sich durch mehrere Runden bis ins Finale tanzen. In jeder Runde entscheiden die Wertungsrichter, welche der tanzenden Paare sie in der nächsten Runde nochmals sehen möchten. Bei diesen Paaren setzen sie auf ihrem Wertungsbogen ein Kreuz (»Mark«); die Anzahl der zu vergebenden Marks (= Anzahl Paare in der nächsten Runde) wird vom Turnierleiter für jede Runde vorgegeben (STSV: mindestens die Hälfte aber weniger als zwei Drittel der Paare). Die Paare mit den meisten Marks dürfen in der nächsten Runde erneut um den Einzug ins Finale tanzen. Das Halbfinale besteht (in der Regel) aus zwölf Paaren, von denen sich sechs für das Finale qualifizieren.

Finalrunde. In Finalrunden müssen die Wertungsrichter Platzziffern vergeben, und zwar die Plätze 1 bis 6. Diese Platzziffern werden nach Skating-System der WDSF ausgewertet und führen zur Gesamtwertung der Paare.

Reglemente

Ohne Reglemente geht's nirgends, also auch nicht im Tanzsport. Ob's zu viel ist oder nicht, darüber mögen sich andere streiten – für uns ist entscheidend, die wichtigsten Regeln zu kennen. Für interessierte Besucher gibt es die zugehörigen Regelwerke hier:

Zwist zwischen WDC und WDSF

In der Welt des Ballroom-Turniertanzens gibt es zwei Hauptorganisationen, die alle großen Wettbewerbe der Welt durchführen: WDC und WDSF. Früher arbeiteten diese Organisationen zusammen, kommen aber zurzeit nicht miteinander aus, was große Probleme für Tänzer/innen, Richter und die gesamte Tanzgemeinschaft bedeutet.

Der Anfang

Ballroom-Dance-Wettbewerbe gibt es seit über 100 Jahren. 1950 kam eine Gruppe von Tänzer/innen zusammen, um einen Weg zu finden, eine Weltmeisterschaft zu organisieren. Dazu gründete diese Gruppe den Vor-Vorgänger des World Dance Council (WDC), den International Council of Ballroom Dancing (ICBD).

Ab 1957 wurde zwischen professionellen Tänzern (Tanzlehrern) und Amateurtänzern unterschieden, weshalb der Internationale Rat der Amateurtänzer (International Council of Amateur Dancers – ICAD) gegründet wurde. Diese Organisation sollte alle Wettbewerbe für Amateurtänzer durchführen, während der WDC alle Profiwettkämpfe bestreiten würde. Im Jahr 1990 wurde die ICAD in International DanceSport Federation (IDSF) umbenannt, Jahr 2011 sollte sie zu dem werden, was wir heute als World DanceSport Federation (WDSF) kennen.

Diese beiden Organisationen entwickelten sich innerhalb ihrer eigenen Fachgebiete, die WDSF nur für Amateure und der WDC nur für Profis. Dies war eine für beide Seiten vorteilhafte Vereinbarung, und alle waren glücklich, bis...

Das große Schisma

Am 4. September 1997 wurde die WDSF (damals noch IDSF) vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) anerkannt und erklärte sich bereit, sich den IOC-Regeln zu unterwerfen (was u. a. Dopingkontrollen für die Athleten bedeutet) und ein objektiveres Bewertungssystem zu entwickeln. Aufgrund dieser Anerkennung dürfen, sollte Ballroom Dancing jemals an den Olympischen Spielen ausgetragen werden, nur Tänzer/innen der WDSF teilnehmen.

Als Reaktion auf diese Deklassierung und die Einführung einer eigenen Profi-Abteilung seitens WDSF (WDSF PD) im Jahre 2006/2007 eröffnete der WDC 2007 eine eigene Amateurliga (WDC AL). Da alle Profis im WDC organisiert waren, konnten viele Amateure für seine Wettbewerbe gewonnen werden – auch in der Hoffnung, die WDSF aus dem Feld zu drängen. Seither kämpfen beide Organisationen um einen möglichst großen Anteil am gleichen Pool von Tänzerinnen und Tänzern.

Das Ergebnis

Beide Organisationen gerieten dermaßen in Streit, dass sie Tänzer/innen dafür bestraf(t)en, wenn sie die andere Organisation unterstützten – ähnlich wie wütende geschiedene Eltern ihre Kinder benutzen könnten, um sich gegenseitig zu treffen. Bis zum Jahr 2012 war es WDSF-Sportlern beispielsweise untersagt, an WDC-Wettbewerben (einschließlich Traditionsturniere wie das Blackpool Dance Festival) teilzunehmen. In Amerika ist es den Richtern der WDC-Mitgliedsorganisation (der NDCA) verboten, an Wettbewerben der WDSF-Mitgliedsorganisation zu werten, unter Androhung, dass ihre NDCA-Wertungsrichterlizenz widerrufen wird. Die Situation ist momentan für Tänzerinnen und Tänzer eigentlich untragbar – aufgrund der hinterlegten Politik kann die Fehde allerdings noch lange andauern. Viele sind mit der Situation unzufrieden, aber nur wenige haben die Macht, etwas daran zu ändern.

Die Spaltung hatte ein weiteres unerwartetes Ergebnis: Die WDSF hat ihren eigenen Tanzstil entwickelt. Während der WDC »konservativer« bleibt, vor allem im Standard, hat die WDSF begonnen, athletische und extreme Performances zu bevorzugen, und tanzt normalerweise zu etwas schnellerer Musik. Den Unterschied in den Stilen kann jeder für sich entdecken:

WDSF-Weltmeister · Quickstep · 2013 WDC-Weltmeister · Quickstep · 2013 

 

Während WDSF-Enthusiasten sagen, dass dies die natürliche Evolution des Tanzes sei und sich Tanzen von Anfang an in diese Richtung entwickelt habe, sagen WDC-Anhänger, die WDSF sei zu weit gegangen: Sie hat den künstlerischen Aspekt des Tanzes verloren, um daraus eine olympische Sportart zu machen.

Übersetzt von http://www.ballroomguide.com/resources/blog/2016_04_04_WDC_WDSF.html